LITERATURWETTBEWERB  ANLÄßLICH DES 889. GEBURTSTAGES DER GEMEINDE PASLAM

Platz 2: Armin Himmelrath aus Köln (D)

Wie ich einmal woanders Urlaub machen wollte, aber dann doch nach Paslam gefahren bin

Es war eine blöde Schnapsidee, von Anfang an. Ich hatte nur noch einen Mittelsitz bekommen, rechts und links zwei viel zu stark nach Rasierwasser riechende Geschäftsleute mit unbestimmbarem Alter. Beide waren eingeschlafen, beide schnarchten leise, und beide hatten ihre fetten Unterarme unverrückbar auf den Armlehen platziert. Dabei waren wir gerade erst gestartet.
Eine Schnapsidee, was sonst: Ein Billigflug von Köln/ Bonn nach München und zurück, für jeweils 2,99 Euro inklusive Steuern und Gebühren. Der Haken dabei: Ich musste mindestens zwei Nächte in München bleiben. Was hatte ich mir dabei gedacht?
München. Eine Stadt, in der ich niemandem kannte – außer meiner Ex-Freundin, aber die wollte ich ganz bestimmt nicht treffen. „Fahr mal“, hatte Siggi mit diesem So-redet-man-mit-Irren-kurz-vor-dem-Austicken-Unterton gesagt, „tut dir auch gut. Langes Wochenende, Oktoberfest, ein bisschen auf die Kacke hauen.“ Und mir dazu gönnerhaft auf die Schulter geklopft. Dabei ist Siggi zweiundzwanzig Zentimeter kleiner als ich, dreizehn Jahre jünger und vor allem: mein Angestellter. Verdammt, wie hatte ich das zulassen können, dass er und Kati – unsere Sekretärin – mich regelrecht genötigt hatten, diesen blödsinnigen Billigflug zu buchen?
„Äh... was bitte?“ Ich schreckte hoch. Ein strahlendes Gesicht blickte mich erwartungsvoll an. Ein Sekundenkleber-Blick, an dem ich hängen blieb.
„Was?“, fragte ich noch einmal.
Ganz kurz nur verdrehte sie ihre Augen, blickte für einen Moment in die Sitzreihe hinter mir, dann wieder auf mich: „Möchten Sie irgend etwas trinken? Kaffee? Tee? Tomatensaft?“
Ihre Augen hatten einen ungewöhnlichen Blau-Grau-Ton und waren ziemlich groß. Ein knallrotes Gummi hielt ihren Pferdeschwanz, aber man konnte erkennen, dass sie jeden Morgen einen langen Kampf mit ihrer Frisur führen musste. Rund um die Nase hatten sich ein paar vorwitzige Sommersprossen verteilt. Sie war einfach umwerfend.
„Ähm, ja. Was?“, fragte ich noch einmal. Es klang ziemlich dämlich.
Sie zog die Luft laut durch die Nase ein, schloss die Augen, pustete sich eine imaginäre Haarsträhne aus der Stirn, stemmte die Arme in die Seiten, blickte mich dann wieder an und sagte mit einer Stimme, die im halben Flugzeug zu hören sein musste: „Ich - bin - hier - die - Stewardess! Ich bin unter anderem dazu da, Ihnen Getränke zu bringen! Und - ich - würde - jetzt - gerne - wissen, ob Sie einen Kaffee möchten oder irgend - etwas - anderes!“
„Kaffee“, nuschelte ich in das Gelächter rund um mich herum.
Als ich wieder aufblickte, schaute sie immer noch zu mir. Offenbar hatte ich etwas verpasst.
„Bitte?“, fragte ich zögernd.
„Zuk-ker o-der Milch?“ Sie redete mit mir wie mit einem Deppen.
„Ja“, sagte ich. Das Gelächter wurde lauter.
Ich weiß nicht mehr, was sie mir gab. Was ich getrunken habe. Und wie ich, an ihr vorbei, aus dem Flugzeug gekommen bin. Ihr Sekundenkleber-Blick hatte mir jede Denkfähigkeit geraubt. Umso mehr schreckte ich hoch, als ich plötzlich von einem ziemlich robust aussehenden Sicherheitsbeamten am Oberarm gefasst und zur Seite gezogen wurde.
„Das ist er.“
Ein Mann kam auf mich zu, den ich von irgendwoher kannte. Er wirkte seltsam klein, hatte grau melierte Haare und trug einen grünen Lodenanzug. Vielleicht hatte ich ihn schon mal im Fernsehen gesehen.
„Sie, äh, herzlichen Glückwunsch“, sagte der Mann und strahlte erst mich an und dann in die beiden Fernsehkamers, die auf uns gerichtet waren. „Sie sind der, äh, Besucher, äh, ich meine: zwei Millionen. Der zweimillionste Besucher dieses Flugsteigs nach der Renovierung.“ Er schüttelte immer weiter und erklärte den Kameraleuten: „Und deshalb, äh, können wir, sie, wir den neuen Namen. Er heißt, äh...“ Der Mann blickte suchend um sich.
Einer seiner Leibwächter beugte sich zu ihm herunter und flüsterte ihm laut vernehmlich zu: „Stoiber-Arrival.“
„Stoiber, äh, Reibel“, echote der Mann. Irgend jemand drückte mir und ihm ein Sektglas in die Hand. „Und sie haben nicht nur die Ehre, den neuen Namen“, dozierte der Mann weiter. „Nein, äh, ja, sie können auch, äh, sich freuen. Über den Preis. Ein Wochenende, äh, in, äh...“
„Pasing“, soufflierte der Leibwächter.
„Paslam“, sagte der Mann erleichtert und breit lächelnd in die Kameras. „Paslam. Weil es da so schön, äh. Schön ist.“ Dann ließ er endlich meine Hand los und drehte sich um. „Wo ist denn mein Apfelsaft, äh, Bier“, hörte ich ihn im Weggehen noch fragen.
Das war vor zwei Jahren, und der Rest ist schnell erzählt. Drei Wochen später flog ich wieder nach München, wurde per Chauffeur nach Paslam gebracht und dort im Gasthof „Fröschl“ einquartiert. Die Tochter des Fröschlwirts war ausgerechnet die Stewardess, deren Blick mir in den Wochen zuvor den Schlaf geraubt hatte. Beim Feuerwehrball tanzten wir zum ersten Mal miteinander.
Nächste Woche werde ich ihr einen Heiratsantrag machen. Auf einem Billigflug von Köln/Bonn nach München. Aber bitte nichts verraten, sie weiß es noch nicht!