LITERATURWETTBEWERB  ANLÄßLICH DES 889. GEBURTSTAGES DER GEMEINDE PASLAM

Platz 1: Roman Gutsch aus Wien (A)

Balkonien oder die Erfindung Paslams

Sein Balkon fĂŒhrte in den Hinterhof. Ein Vorteil in den Sommermonaten, obwohl der Innenhof eng, grau und schmutzig war.
Seit Jahren verbrachte er seinen Urlaub zu Hause, auf seinem Balkon. Seit Jahren erzĂ€hlte er Freunden, dass er auch dieses Jahr wieder nach Bayern, konkret nach Paslam, fahren wĂŒrde. Seit Jahren fĂŒllte er seinen Vorratsschrank bevor er die blickdichten VorhĂ€nge der Fenster, die zur Straße hinaus fĂŒhrten, zuzog. Ratsch! Und er war fĂŒr sich, an seinem Urlaubsort, in Paslam, das er fĂŒr die anderen erfand. 
Sein kleines Ferienidyll, der Balkon, schwebte ĂŒber drei MĂŒlltonnen und einer gespenstischen Stahlkonstruktion, die stetig anwuchs. Jeden Sonntag zerschnitt sein Nachbar mit einer kreischenden MotorsĂ€ge einen Einkaufswagen. Um, wie er sagte, der Konsumwelt das Herz aus dem Leib zu schneiden. Übrig blieb ein wucherndes stĂ€hlernes Herzgeflecht im schmalen, farblosen Hinterhof, der fĂŒr drei Wochen im Hochsommer Paslam war.
Auf die hĂ€mische Frage von Kollegen und Verwandten, warum er jedes Jahr ausgerechnet nach Paslam fahre, obwohl die Welt weit sei, Paslam, das niemand kenne, aber seinen ErzĂ€hlungen gemĂ€ĂŸ ja ein Kaff sein mĂŒsse, konnte er immer souverĂ€ner, geĂŒbter antworten.
Still wurden die Urlaubsneider, wenn er von der poetischen Einfachheit der Landschaft, die ein GemĂŒtszustand war, berichtete, vom mystischen Schweigen des Paslamer Waldsees, von den Trauerweiden, in die keine MotorsĂ€gen lĂ€rmend fuhren als wĂ€ren sie entfĂŒhrte Eisenkörbe auf wackeligen Rollen.
Wie aus einem Fahrkartenautomaten löste er sodann aus den stillen Blicken seiner GesprĂ€chspartner, die voll UnverstĂ€ndnis waren, jedes Jahr erneut ein Bahnticket nach Paslam. Einmal Balkonien und retour.